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Ueli Frutiger: Der Urvater des modernen Pisten- und Rettungsdienst geht in Pension

Ueli FrutigerIm Einsatz als Bergführer auf der Jungfrau (Anfang 1980er-Jahre).  

Ueli Frutiger hat das Sicherheits- und Rettungswesen in den Schweizer Bergen geprägt wie kaum ein anderer. Im vergangenen Sommer ist der Grindelwalder in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Ueli Frutiger hat die Beratungsstelle Sicherheit von Seilbahnen Schweiz (SBS) aufgebaut und seit 2012 geleitet. Zuvor war der ausgebildete Bergführer über 20 Jahre Chef Pisten- und Rettungsdienst (PRD) bei den Jungfraubahnen. Weshalb PRD-Chefs zuweilen gefährlich leben, wie sich der Bereich in den letzten vier Jahrzehnten verändert hat und welche Erlebnisse er nie mehr vergisst, erzählt Ueli Frutiger im Interview.


Ueli Frutiger: In der Branche sagt man, dass Pisten- und Rettungschefs immer mit einem Fuss im Gefängnis stehen.
Nicht gerade im Gefängnis, man steht eher vor Gericht. Bei einem schweren Unfall wird die Polizei eingeschaltet. Dann läuft die ganze Maschinerie an. Als Pisten- und Rettungschef hatte ich im Durchschnitt jeweils etwa 450 Unfälle pro Winter. Dabei bin ich zum Glück nur einmal vor Gericht gestanden. Strafrechtlich wurde ich freigesprochen, zivilrechtlich läuft das Verfahren nach acht Jahren noch immer. Wer für die Sicherheit in einem Skigebiet verantwortlich ist, muss seine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen sowie nach den Richtlinien der SKUS und den Richtlinien von SBS – der sogenannten Verkehrssicherungspflicht – machen. So hat man gute Chancen, «aus dem Schneider» zu sein, falls es zur Untersuchung eines Unfalles kommt.

Hast du dich auch schon für die Sicherheit und gegen deinen Vorgesetzten durchgesetzt, der weniger strenge Sicherheitsmassnahmen gewünscht hätte?
Das ist nie nötig gewesen. Ein intelligenter Direktor mischt sich nicht in die Sicherheitsentscheide seines PRD-Verantwortlichen ein.

Nach 23 Jahren Pisten- und Rettungschef bei den Jungfraubahnen hast du die Beratungsstelle Sicherheit bei SBS aufgebaut. Weshalb?
Bereits als Pistenabnahme-Experte im Nebenamt ist mir aufgefallen, dass im Bereich Technik alles geregelt ist und auch kontrolliert wird. Dabei dachte ich mir, dass dies auch im PRD-Bereich so sein sollte. Mein Ziel war es zum einen, Unfälle zu vermeiden. Zum anderen wollte ich PRD- Verantwortlichen helfen, dass sie ihre Arbeit nach sorgfältig erarbeiteten Richtlinien ausrichten können und so weniger Gefahr laufen, juristisch zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Was waren die wichtigsten Meilensteine, um die Beratungsstelle ins Leben zu rufen?
Ich habe vor rund 15 Jahren meine Gedanken mit Fulvio Sartori, dem damaligen SBS-Vizedirektor, geteilt – übrigens ein Vollblut-Seilbahner. Er hat das Vorhaben in den Gremien von SBS vorgebracht. Danach ging ich auf Geldsuche bei der bfu und der Suva. Schliesslich haben diese zwei Institutionen sowie Swiss-Ski eine finanzielle Unterstützung zugesichert. Auf die Wintersaison 2010/2011 hin wurde die Beratungsstelle Sicherheit ins Leben gerufen. Ab diesem Zeitpunkt waren die «Pistenkontrollen» für alle SBS-Mitglieder ein Muss. Vorher wurden nur etwa 80 Prozent aller Pistenkilometer in der Schweiz kontrolliert – und das auf freiwilliger Basis. Namhafte Juristen haben ebenfalls gesehen, dass ein Obligatorium innerhalb unseres Verbandes wichtig wäre, um das nötige Gewicht in der Justiz zu bekommen. Seit dem Jahr 2013 bietet die Beratungsstelle zudem Sicherheitsabnahmen für Sommeraktivitäten an.

Die SBS-Richtlinien, die Verkehrssicherungspflicht für Schneesportabfahrten, ist ein so genanntes «Soft-Law». Weshalb haben wir kein «richtiges» Gesetz?
Ich denke mit diesem nichtbehördlichen Regelwerk ist die Seilbahnbranche gut bedient. In unserer Arbeit spielt die Natur eine grosse Rolle. Die Natur ist aber unberechenbar – hier ist ein starres Gesetz wenig zielführend. Unsere Arbeit ist von zu vielen nicht kalkulierbaren Faktoren abhängig: dem Schnee, dem Wind, der Wetterlage allgemein und dem Gelände. Anders als bei der Technik haben wir nicht für jede «Wetterlage» eine Norm, wie das zum Beispiel beim Anziehen einer Schraube der Fall ist.

Wie hat die Zusammenarbeit mit den Juristinnen und Juristen funktioniert?
Als Praktiker war ich in den Expertengremien von Anfang an gut akzeptiert. Die Juristen haben gesehen, dass die Verkehrssicherungspflicht funktioniert. Die Schweizer Gerichte bis hin zum Bundesgericht ziehen bei ihren Entscheiden die Verkehrssicherungspflicht bei.

Du hast dich in deiner Funktion auch mit PRD-Verantwortlichen anderer Alpenländer ausgetauscht. Wie sehen dort die Sicherheitsstandards aus?
Sehr ähnlich. Auch die anderen Alpenländer schauen genau hin beim Thema Sicherheit. Meine Besuche haben mir aber auch gezeigt, dass wir in der Schweiz gut aufgestellt sind.

Was hat sich seit den 1980er-Jahren bei der Arbeitsweise der Pisten- und Rettungsdienste verändert?
Die Digitalisierung hat die Arbeit vereinfacht und professionalisiert. Dank den Smartphones läuft die Alarmierung sehr rasch und die GPS-Ortung vermeidet in vielen Fällen eine stundenlange Suche von Vermissten. Vor dem Handy-Zeitalter galten in «meinem» Skigebiet an einem schönen Wochenende rasch mal bis zu 15 Personen als vermisst, wovon meist alle unverletzt wieder aufgetaucht sind. Auch der Abtransport von Verletzten hat sich in einigen Gebieten verändert. Wenn es die Verletzung zulässt, erfolgt der Transport häufig mit Schneemobilen anstelle des Rettungsschlittens.

Was hat sich sonst noch verändert? Trifft man heute andere Verletzungen an als früher?
Ein Meilenstein war sicher, als vor rund 25 Jahren die ersten Gebiete von der Mittelmarkierung zur beidseitigen Markierung übergegangen sind. Die beidseitige Markierung hat sich durchgesetzt und ist nun schweizweit Standard.
Zu den Verletzungen: Die klassische Unterschenkelfraktur (Fraktur direkt oberhalb des Skischuhs) sieht man heute eher selten. Wegen verbesserten Materialien bei Ski und Schuhen sind heute rund 35 Prozent aller Unfälle Knieverletzungen. Da das Material und die verbesserte Pistenqualität auch höhere Tempi zulassen, sind die Verletzungen zum Teil schwerer als früher. Die Zahl der Verletzten hat im Verhältnis zur Anzahl Schneesportlerinnen und Schneesportlern gegenüber früher jedoch eher abgenommen.

An welche Erlebnisse erinnerst du dich besonders?
Mein Team und ich hatten einen Patienten mit Herzstillstand reanimiert. Ein Jahr später ist der Gast gesund und munter beim Rettungsdienst aufgetaucht, um sich zu bedanken und uns ein Trinkgeld zu geben. Das sind die schönen Momente. Leider gibt es auch die anderen (schweigt einen Moment). Im Jahr 1989 war ich mit meiner Familie unter dem Weihnachtsbaum versammelt. Da wurde ich gerufen, um einen vermissten neunjährigen Buben zu suchen. Wir haben bis 3 Uhr morgens gesucht und konnten ihn nur noch tot bergen. Er war abgestürzt. Das ist nun 30 Jahre her. Und es fällt mir immer noch schwer, darüber zu reden.

Hast du selber schon Schutzengel gehabt?
Ja, viele. Als Lawinenverantwortlicher weiss man zwar viel über die Schneebeschaffenheit. Doch trotz Wissen und Erfahrung braucht man Schutzengel. Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) forscht seit Jahrzehnten. Ein Patenrezept um Lawinen genau vorherzusehen, haben auch sie noch nicht gefunden. 1986, in meinem ersten Jahr als Lawinenverantwortlicher der Jungfraubahnen, hat ein Nassschneerutsch einen Zug der Wengernalpbahn aus den Schienen gehoben und umgekippt. Glücklicherweise kam von den 137 Passagieren niemand zu Schaden und die Strafuntersuchung gegen mich wurde eingestellt, da dieses Lawinenereignis gemäss den Experten des SLF nicht vorhersehbar gewesen sei. Auch wenn ich als Bergführer unterwegs bin, bin ich den Launen der Natur ausgesetzt und habe schon manchmal einen Schutzengel gebraucht.

Worauf bist du am meisten stolz in deiner Karriere?
Dass es mir als Lawinenverantwortlicher gelungen ist, dass in meinem Verantwortungsbereich weder auf der Piste noch auf Zubringerbahnen je Menschen zu Schaden kamen. Was die Beratungsstelle Sicherheit von SBS betrifft, freut es mich, dass sie nun so gut akzeptiert ist in der Branche.

Du hast wohl auch die eine oder andere Enttäuschung erlebt.
Ich blicke auf viel Positives zurück. Wie jeder, der am Ende der beruflichen Laufbahn ist, hatte ich aber auch ein paar Tiefschläge zu verdauen.

Welche Wünsche hast du für den Bereich PRD?
Dass der Bereich PRD denselben Stellenwert bekommt wie der Bereich Technik – und dies in allen Seilbahnunternehmungen.

Welche Wünsche hast du für den Bereich Sommer?
Hier wäre mein Wunsch, dass die Unternehmungen Sinn und Zweck der Sommerhomologationen besser wahrnehmen und somit die Akzeptanz für das Gütesiegel «Geprüfter Sommerbetrieb» noch steigen würde.

Du bist nun sei kurzem pensioniert. Hast du keine Angst, in ein Loch zu fallen?
Nein, im Herbst gehe ich jeweils auf die Jagd. Und bald unternehme ich eine grössere Asienreise. Zudem habe ich als Präsident des Berner Bergführerverbandes einiges zu tun. Bei diesem Engagement bin ich mir bewusst geworden, dass mein Bergführerpatent ein wichtiges Fundament für meine berufliche Karriere war. Jetzt, wo ich beruflich nicht mehr eingespannt bin, möchte ich nach Möglichkeit diesem Berufsstand etwas zurückgeben. Des Weiteren habe ich beim Internationalen Skiareatest ein Engagement als Skigebietsprüfer angenommen. Dieses Engagement wird mich hauptsächlich in Schneesportgebiete in den umliegenden Alpenländern bringen.

Was möchtest du angehenden Patrouilleurinnen und Patrouilleuren mit auf den Weg geben?
Wenn ein Unfall gemeldet wird, kommt eine gewisse Hektik auf. Oft weiss man nicht, ob es sich bei der Verletzung nur um einen kleinen Kratzer handelt oder ob sie lebensbedrohlich ist. Hier ist es wichtig, möglichst Ruhe zu bewahren und auf das Gelernte zu vertrauen.


Beruflicher Werdegang
1968 Lehre als Mechaniker bei Brown, Boveri & Cie Werk Oerlikon (heute ABB)
1976 Bergführerpatent, seither jährlich vier bis acht Wochen tätig als Bergführer
1977 bis 1979 Lokführer Jungfraubahn
Ab 1980 Pistenpatrouilleur Kleine Scheidegg
1986 bis 2010 Chef Pisten- und Rettungsdienst, Lawinenverantwortlicher Jungfraubahnen
1992 Eidg. dipl. Pisten- und Rettungsfachmann C-Kurs
Ab 1992 tätig für SBS: Klassenlehrer für Patrouilleur-Ausbildung, Kursleiter Lawinen-Sprengkurs, Pistenabnahme-Experte
Ab 2012 Leiter Beratungsstelle Sommeraktivitäten und Experte Pistensicherheit SBS


Kommissionen
Ausbildungskommission Pisten- und Rettungsdienst, Prüfungskommission Lawinensprengen
Prüfungsexperte in allen PRD-Kursen
2002 bis 2010 Präsident Abnahmekommission Pisten- und Rettungsdienst
seit 2001 Mitglied Schweizerische Kommission für Unfallverhütung auf Schneesportabfahrten (SKUS)
seit 2003 Mitglied Kommission Rechtsfragen auf Schneesportabfahrten (KRS/SBS)

Ehrenamt
1998 bis 2009 Mitglied Kommission Naturgefahren Gemeinden Grindelwald und Lütschental
Seit 2017: Präsident Berner Bergführerverband

Persönliches
Aufgewachsen in Grindelwald, wohnhaft in Lütschental bei Grindelwald, verheiratet, zwei Kinder, vier Enkelkinder.
Hobbies: Berge, Jagd, Reisen


Ueli Frutiger Rettungseinsatz LauberhornRettungseinsatz auf der Lauberhornstrecke zusammen mit Notfallarzt Bruno Durrer † (2002).