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Geschichte

Pioniergeist prägte die Geschichte der Schweizer Seilbahnen

1866 nahm in der Schweiz die erste Seilbahn ihren Betrieb auf - heute verkehren gut 1700 Seilbahnen. Der stetig wachsende Tourismus führte zu epochalen Innovationen im Seilbahnbau.
Bevor die Seilbahnen in den Bergen Gipfel erschlossen, nahm 1866 am Rheinfall bei Schaffhausen die erste Seilschwebebahn der Welt den Betrieb auf. Der Antrieb der von Johann Jakob Rieter konstruierten Anlage erfolgte durch Handwinden. Die Bahn diente den Turbinenwärtern als Transportmittel über den Rhein zu ihrem Arbeitsplatz. Nebst dem bergsteigerischen Pioniergeist der Engländer trug die Eisenbahn einen wesentlichen Teil zur Erschliessung der Alpen bei. Mit dem Bau der grossen Eisenbahnlinien keimte sowohl bei Touristikern als auch Ingenieuren der Wunsch, starke Steigungen auf eine andere Art als auf den Rücken von Maultieren oder auf den Schultern von Sänftenträgern zu überwinden.

Foto der ehemaligen Standseilbahn zwischen Lausanne und Ouchy.Die ehemalige Standseilbahn zwischen Lausanne und Ouchy.

Standseilbahnen machten den Anfang

Die erste Standseilbahn der Schweiz fuhr 1877 zwischen Lausanne und Ouchy. Die 1485 Meter lange Strecke wies Normalspur auf. Erbauer war der Luzerner Theodor Bell. (Heute ist diese Bahn eine führerlose, vollautomatische Pneu-U-Bahn nach Pariser Vorbild, und mit 12 Prozent Steigung die steilste U-Bahn-Strecke der Welt.)


Foto GiessbachbahnDie Giessbachbahn fährt heute noch.

Die erste rein touristische Seilbahn der Welt entstand im Sommer 1879 die Standseilbahn vom Brienzersee hinauf zum Hotel Giessbach. Wichtiges technisches Detail bei dieser Seilbahnanlage waren die noch heute üblichen Ausweichen für die beiden im Pendelbetrieb fahrenden Seilbahnwagen. Als Antrieb diente Wasserballast und als Bremsen eine Zahnradbremse. Insgesamt wurden in der Schweiz 15 Wasserübergewichts-Bahnen gebaut. Die Standseilbahn Freiburg-Neuveville fährt noch heute mit demselben Prinzip. Die Giessbachbahn wurde 1948 auf einen elektrischen Antrieb umgerüstet und fährt heute noch. Die erste Seilbahn mit elektrischem Antrieb war die 1888 erbaute Bürgenstockbahn. Nun brach ein regelrechter Standseilbahnboom aus: Bis zum 1. Weltkrieg sind insgesamt 45 neue Anlagen gebaut worden.

Plötzlich gings durch die Luft

Bereits 1904 lag ein Projekt vor, den Gipfel des Wetterhorns bei Grindelwald mit einer Schwebeseilbahn in vier Sektionen zu erschliessen. Hinter diesem Unterfangen stand der ehemalige Regierungsbaumeister Feldmann aus Köln. Nach der Konzessionserteilung wurde noch im gleichen Jahr mit dem Bau der ersten Sektion begonnen. Die ersten Fahrten und Bremsproben wurden im Herbst 1907 durchgeführt. Für den öffentlichen Verkehr wurde der Wetterhornaufzug 1908 freigegeben. Das Projekt war in jeder Beziehung zu ehrgeizig. An den Weiterausbau der Anlage konnte deshalb nicht gedacht werden und nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges und dem Ausbleiben der Gäste musste der Betrieb 1915 eingestellt werden. Die Fahrten wurden nie mehr aufgenommen. 1934 wurde der Lift demontiert. Auf dem Weg zur Glecksteinhütte kann die kürzlich renovierte Bergstation bewundert werden. Und im Verkehrshaus in Luzern steht eine der beiden Kabinen.


Foto Erste Luftseilbahn mit BestandDie erste Luftseilbahn mit Bestand. Sie verkehrte zwischen
der Gerschnialp und Trübsee bei Engelberg.

1927 war es dann mit der ersten Luftseilbahn mit Bestand soweit: Sie verkehrte zwischen der Gerschnialp und Trübsee bei Engelberg. Die mehrmals umgebaute Anlage wurde 1959 durch eine parallele Luftseilbahn entlastet und 1984 schliesslich durch eine 6er-Gondelbahn ersetzt. Eine der älteren Pendelbahnen ist die 1933 erbaute Bahn von Beckenried am Vierwaldstättersee auf die Klewenalp. Nur ein Jahr später nahm mit der Säntisbahn, die damals wohl kühnste Luftseilbahn, ihren Betrieb auf. Mit der Säntis Bergstation auf 2474 m.ü.M. war die Säntisbahn die damals höchstgelegene Bergstation der Schweiz. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg entstand im Wallis die Luftseilbahn von Riddes zum Bergdorf Isérables. Das Dorf war bis zum Bahnbau nur mühsam über einen Maultierpfad erreichbar. Diese Bahn ist eine von vielen Erschliessungsbahnen wie die Mürrenbahn, die Bettmeralpbahnen oder die Wirzwelibahn.

Skiboom fördert Seilbahnbau

Der 1930 einsetzende Skiboom löste in den Alpen den Bau von vielen neuen Bahnen aus. Die Corvigliabahn in St. Moritz nahm 1928 speziell für die Skifahrer ihren Betrieb auf. Zwei Jahre später transportierte die über vier Kilometer lange Parsennbahn die ersten Skisportler.


Foto Parsenn-BahnDie Parsenn-Bahn, speziell zum Transport
der Skisportler erbaut.

Bereits in ihrer Anfangszeit erlebte diese Bahn einen derartigen Ansturm, dass ihre Förderkapazität verdoppelt werden musste. 1934 wurde mit der Iltiois-Unterwasserbahn im Toggenburg eine der letzten rein auf den Wintersport zugeschnittenen Standseilbahnen ein Betrieb genommen. Damit endete in der Schweiz mit 56 gebauten Anlagen die Ära der Standseilbahnen. Allerdings sind mit der Metro Alpin aufs Mittelallalin in Saas Fee und der Sunnaggabahn in Zermatt in den letzten Jahren hochmoderne Standseilbahnen gebaut worden. Vorteil der Standseilbahnen gegenüber der Luftseilbahnen sind die Windunempfindlichkeit und die hohen Fahrgeschwindigkeiten von gegen 50km/h.

Der erste Skilift

Der am 24. Dezember 1934 in Davos auf dem Übungsgelände Bolgen eröffnete Lift war der erste Bügelskilift der Welt im heutigen Sinne. Nach ersten Versuchen mit einem einfachen Bügel konstruierten die beiden Erfinder Constam und Ettinger den noch heute gebräuchlichen Doppelbügel – damals „Sie und Er-Bügel“ genannt. Der Bolgen-Skilift stand 37 Jahre im Einsatz, bevor er in den frühen Siebzigerjahren durch eine neue Anlage ersetzt wurde. Der Bolgenlift hatte eine Länge von 270 Metern und 50 Meter Höhendifferenz. Der ein Jahr später erbaute Suvretta-Lift in St. Moritz brachte es auf eine Länge von 800 Metern und hatte bereits Stahlstützen. Nebst den Skiliften entwickelten findige Köpfe mit dem Funi eine weitere Transportart für Skifahrer. Die ab den 30er Jahren in Mode gekommenen Funis bestanden aus zwei lenkbaren Schlitten, die mit einem Zugseil so verbunden waren, dass ein Schlitten bergwärts und einer talwärts fuhren. Die Funis boten ca. 50 Personen Platz und waren in Grindelwald noch bis Ende der 80er Jahre in Betrieb.
Um auch im Sommer Aufstiegshilfen zu bieten, wurden in Zermatt und Engelberg Bügellifte so umfunktioniert, dass sie Wanderern als Gehhilfe dienten. Wesentlich eleganter waren einsitzige Sessel, die fix an die Seile geklemmt wurden. Allerdings fuhren diese Bahnen mit bloss 1.2 Meter/sec. sehr langsam.


Foto Sesselbahn in Engelberg am JochpassDie Sesselbahn in Engelberg am Jochpass.

Sessellifte setzen sich durch

Besonders die Bahnbetreiber in Engelberg am Jochpass sahen nicht ein, wieso sie die bequemen und viel gerühmten Sessel nicht auch im Winter einsetzen sollten. So nahm im Juli 1944 am Jochpass der erste Sessellift Europas den Betrieb auf. Am Jochpasslift standen im Jahre 1945 versuchsweise noch zwei überdachte Stehkabinen für den Schlechtwetterbetrieb zur Verfügung. Ab 1945 löste dann eine Seilbahninnovation die andere ab: In Flims nahm im Dezember 1945 die erste kuppelbare Sesselbahn ihren Betrieb auf und 1947 wurde von Grindelwald auf die First mit einer Länge von 4,3 Kilometern die längste Sesselbahn eröffnet. Markenzeichen dieser Sesselbahnen waren die quer zur Fahrbahn angeordneten Sitze.


Foto Gondelbahn in Crans sur Sierre nach Cry d'ErDie Gondelbahn in Crans sur Sierre nach Cry d'Er zeichnete
sich durch die hohe Förderleistung aus.

Gondeln bieten Schutz vor Wind und Wetter

Ein weiterer Meilenstein in der Schweizer Seilbahngeschichte wurde 1950 mit dem Bau der ersten Gondelbahn von Crans sur Sierre nach Cry d’Er realisiert. Die Bahn war 3.3 Kilometer lang, bestand aus 48 4er-Kabinen und zeichnete sich durch eine hohe Windstabilität und für die damalige Zeit hohe Förderleistungen aus. Speziell aus der Ära der Gondelbahnen war die 1954 in Saas Fee gebaute Zweiseil-Gruppenumlaufbahn mit 16 auf dem gesamten Bahnumfang gleichmässig verteilten Kabinengruppen zu je zwei 4er-Kabinen. Erreichte eine Kabinengruppe auf ihrem Weg nach Spielboden eine Station, musste zum Ein- und Aussteigen die gesamte Bahn angehalten werden. 1957 entstand von Zweisimmen auf den Rinderberg mit einer Länge von 5 Kilometern und 163 2er-Kabinen die längste Gondelbahn. Diese Bahn war knapp 30 Jahre in Betrieb, bis sie durch eine moderne 6er- Gondelbahn ersetzt wurde.

Höhenrekordjagd der Pendelbahnen

Nicht nur der Bau von Gondelbahnen wurde nach 1945 stetig vorangetrieben, auch die grossen Pendelbahnen wurden damals gebaut. Der Bergstation Höhenrekord der Säntisbahn wurde 1955 mit dem Bau der Luftseilbahnen Corviglia-Piz-Nair auf den 3057 m.ü.M hohen Gipfel gebrochen. Beim Bau dieser Bahn hatten die Ingenieure zum ersten Mal mit Permafrostproblemen zu kämpfen. Bereits zwei Jahre später stellte die Luftseilbahn Gornergrat-Hohtälli-Stockhorn (3413 m.ü.M) einen neuen Höhenrekord auf.

Die höchste Pendelbahn aber verkehrt seit 1979 aufs 3820 m.ü.M. hohe Kleine Matterhorn. Eine Besonderheit im Luftseilbahnbau war die 1958 eröffnete Pendelbahn Brusino Arsizio-Serpiano im Tessin. Die Bahn lief von der Bezahlung beim Münzautomat über das Abzählen der Passagiere bis zur Türschliessung und Fahrt vollautomatisch.

Kaum mehr Neuerschliessungen

Die letzten Neuerschliessungen von Wintersportgebieten fanden 1978 in Samnaun, 1979 in Saas Grund und 1981 in Evolène statt. Danach schränkte das Tourismuskonzept des Bundes und die damit verbundene neue Konzessionspolitik die touristische Entwicklung ein. Neue Transportanlagen im Berggebiet werden seither nur noch mit grosser Zurückhaltung bewilligt. Die Seilbahntechnik konzentrierte sich fortan auf die Sicherheit, Komfort, Energieoptimierung und neue Technologien. So entstanden 1978 in Samnaun doppelstöckige Kabinen mit einem Fassungsvermögen von 180 Personen, 1981 in Saas Fee die grösste kuppelbare Umlaufbahn, 1992 am Titlis die ersten drehbaren Seilbahnkabinen und 1994 in Verbier die Funitel, eine Umlaufbahn mit Kabinen die an zwei parallel laufenden Förderseilen angeklemmt werden. 2012 ging am Stanserhorn die weltweit erste doppelstöckige Pendelbahn mit offenem Oberdeck, die CabriO-Bahn, in Betrieb; eine weitere Schweizer Pionierleistung in der Seilbahnwelt.

Heute verkehren in der Schweiz 120 Pendel-, 123 Kabinenumlauf-, 53 Standseilbahnen, 345 Sessellifte sowie 1069 Schlepplifte (Skilifte) und Kleinseilbahnen (Stand: 2013). Alle Bahnen zusammen überwinden eine Strecke von gut 1700 Kilometern und eine Höhendifferenz von rund 500 Kilometern.

Links

Seilbahnen im Verkehrshaus der Schweiz
www.seilbahn-nostaglie.ch (Website einer Privatperson mit interessanten Angaben und Fotos zur Schweizer Seilbahngeschichte)
www.skilift-nostalgie.ch (Website eines Sammlers von alten Skilift-Bestandteilen)
Beitrag Radio SRF 4 NEWS, Zeitblende (4.6.2016): "Die Schweiz ist Pionierin im Seilbahnbau - seit 150 Jahren"