
Für Urs Wohler, Geschäftsführer der NIESENBAHN AG, ist klar: Die Menschen machen den Unterschied. Ein Erlebnis auf dem Berg entsteht nicht nur durch das Panorama und die Infrastruktur. Es entsteht durch Mitarbeitende, die gerne dort arbeiten, sich mit der Bahn verbunden fühlen und mit Engagement dabei sind. Deshalb setzt die Niesenbahn auf soziale Nachhaltigkeit. Sie investiert konsequent in ihre «Software»: die Menschen, das regionale Netzwerk – und stärkt so auch die regionale Wertschöpfung rund um die «Pyramide der Schweiz».
Soziale Nachhaltigkeit beginnt im Team
«Das klingt vielleicht unspektakulär», sagt Urs Wohler. «Doch soziale Nachhaltigkeit beginnt für mich im täglichen Miteinander: aufmerksam bleiben, präsent sein und die Menschen im Betrieb ernst nehmen.» Aus seiner Sicht ist genau dieses alltägliche Miteinander entscheidend: «Ohne soziale Nachhaltigkeit haben wir wirtschaftlich keinen Erfolg – und ohne wirtschaftlichen Erfolg können wir auch nicht in die ökologische Nachhaltigkeit investieren.» Ein zentrales Element dieser von Vertrauen und Sorgfalt geprägten Haltung ist bei der Niesenbahn die «Betreuung on the Job». Dieser Ansatz ist seit 2017 fester Bestandteil der Führungskultur. Vorgesetzte nehmen sich regelmässig Zeit für kurze, ehrliche Gespräche, geben Rückmeldungen und holen sie ein – nicht nur einmal im Jahr beim Mitarbeitendengespräch, sondern laufend.» Zur Führungskultur gehören auch drei jährliche Kaderanlässe (Workshop und geselliger Teil), Aufmerksamkeiten zum Geburtstag, mehrere Teamanlässe mit dem Fokus auf Austausch, ein strukturierter Führungsprozess über alle Ebenen, Teamsitzungen und bilaterale «Jour fixe» sowie der wiederkehrende Austausch über die individuellen Rollen und Aufgaben. Ein Erfolgsfaktor für diese Qualitäten ist die überschaubare Grösse der Niesenbahn mit rund 120 Mitarbeitenden an zwei Standorten (Niesen und Elsigenalp).
Einen grossen Stellenwert haben auch Skills Mapping und Weiterbildungen«Entscheidend ist, dass wir wissen, was unsere Leute mitbringen», sagt Wohler. Die Niesenbahn versucht, proaktiv Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen und die Mitarbeitenden auf ihrem Weg zu begleiten. 2025 haben nebst den Lernenden und den Praktikant:innen 12 Mitarbeitende eine Weiterbildung in den verschiedenen Bereichen Maschinist:innen, Berufsbildner:innen, Führung, Seil- und Kranarbeiten, Waldbau und Gastronomie absolviert.
Auch in der Nachwuchsförderung hat sich in den letzten Jahren einiges getan. «Im Bereich der Seilbahnen sind wir gut unterwegs. Dort bilden wir sowohl EFZ- wie auch EBA-Lernende aus», erklärt Wohler. Dank eines Ausbildungsverbundes mit der Stockhornbahn AG und weiteren Partnern arbeiten die Lernenden bei unterschiedlichen Betrieben und sammeln so wertvolle Erfahrungen. Auch im Bereich Marketing bietet die Bahn jedes Jahr verschiedene Modelle für Praktika an. Aktuell sammeln 2 Lernende und 2 Praktikant:innen wertvolle Praxiserfahrung im Unternehmen. Die Niesenbahn ist zudem Partner im Innotourprojekt «Future in Tourism», das den Schweizer Tourismus als attraktives Berufsfeld positioniert und Betriebe aktiv einbindet, um Fachkräfte zu gewinnen und auszubilden. Eine Herausforderung bleibe die Gastronomie. «Die Voraussetzungen wären da, wir hätten Ausbildnerinnen und Ausbildner, aber uns fehlen schlicht die Lernenden und das passende Ausbildungsmodell.»
Der wertschätzende Umgang mit dem Personal zeigt Wirkung: Im Jahr 2025 wurden 17 Mitarbeitende für ihre langjährige Treue geehrt, insgesamt über 135 Dienstjahre. Elf Mitarbeitende feierten ihr fünfjähriges Jubiläum, drei ihr zehnjähriges, zwei ihr 15‑jähriges und eine Person wurde für 20 Dienstjahre geehrt.
Wirkung sichtbar machen
Soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit ist nicht immer einfach messbar. Davon liess sich die NIESENBAHN AG jedoch nicht abschrecken und beauftragte 2021 EBP mit einer umfassenden Wertebetrachtung, um einen externen Blick auf die eigene Wirkung zu erhalten. Ein zentraler Bestandteil davon war die Personalbefragung, an der 82 % der Mitarbeitenden teilnahmen. Die Resultate fielen sehr positiv aus: 93 % der Mitarbeitenden kamen gerne zur Arbeit. 86 % waren mit der Niesenbahn als Arbeitgeberin zufrieden, 80 % fühlten sich eng mit dem Unternehmen verbunden. 90 % waren mit ihren persönlichen Arbeitsbedingungen zufrieden, 98 % würden die Niesenbahn weiterempfehlen und 76 % bestätigten den Teamleitenden eine klare Ziel‑ und Prioritätensetzung. Fast die Hälfte der Befragten sah sich auch in fünf Jahren noch im Betrieb, und 36 % arbeiteten bereits länger als fünf Jahre auf dem Niesen.
Für Wohler zählen aber nicht die Zahlen allein, sondern die Geschichten dahinter. Er erzählt von einer Köchin, die nach ihrer Lehre eigentlich aus dem Beruf aussteigen wollte. Bei der Niesenbahn fand sie dank ihren direkten Vorgesetzten wieder Freude an der Arbeit – so sehr, dass sie heute im Beruf bleiben und Weiterbildungen anpacken möchte, weil sie sich unterstützt und wertgeschätzt fühlt. «Solche Erfolge freuen mich besonders», sagt Wohler.
Ein starkes Team macht Inklusion möglich
Fünf bis zehn Prozent der Mitarbeitenden bringen besondere Bedürfnisse mit. Dazu gehören Personen, die etwas langsamer arbeiten, zusätzliche Betreuung benötigen oder über ein Sozialprogramm oder eine Wiedereingliederung zur Niesenbahn gekommen sind. Wohler ist wichtig, innerhalb der betrieblichen Möglichkeiten passende Arbeitsplätze zu bieten und diese Mitarbeitenden ohne Abstriche bei der Produktivität zu integrieren. «Ich denke an Mitarbeitende in der Hauswirtschaft, im Office oder auch im Service.» Die Erfahrung zeige, dass die Integration ins Team nebst Herausforderungen gut funktionieren könne.
Die Niesenbahn ist eine historische Bahn mit über hundert Jahren Geschichte, daher lässt die Infrastruktur die Anstellung von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen nicht zu. Viele Arbeitswege führen über Treppen, und das Unternehmen ist daher nur teilweise BehiG-konform. «Wir sind keine geschützte Werkstatt, wollen aber trotzdem einen Beitrag leisten», ergänzt Wohler. Deshalb arbeitet die Niesenbahn eng mit regionalen Institutionen zusammen, die geschützte Arbeitsplätze anbieten. So produziert etwa die Stiftung Transfair aus Thun die Glace, und die Stiftung Bad Heustrich liefert Blumenschmuck, Verkaufsartikel oder auch Möbel. «Diese Kooperationen funktionieren sehr gut und sind ein Gewinn für beide Seiten.»
Ähnlich verhält es sich mit dem Zugang für Besuchende: «Niemand kann völlig selbstständig auf den Berg, weil es ein Drehkreuz gibt und die Türen unserer historischen Bahn vom Personal bedient werden», erklärt Wohler. Dennoch übernimmt die Niesenbahn Verantwortung und unterstützt Menschen mit Behinderungen oder temporären Mobilitätseinschränkungen bei der Planung ihres Besuchs. Die Bahn stellt klare Informationen zur Verfügung, ermöglicht Reservationen im Voraus und bietet persönliche Unterstützung beim Ein- und Ausstieg. Pro Bahn können ein bis zwei Rollstühle mitgenommen werden. Für die Mitarbeitenden ist es eine Bereicherung, gemeinsam mit den Gästen etwas zu erreichen.
Die NIESENBAHN AG ist ausserdem Partnerin der OK:GO Initiative. Diese unterstützt Tourismusbetriebe dabei, Informationen zur Zugänglichkeit ihrer Angebote systematisch zu erfassen und öffentlich bereitzustellen. Die Onlineplattform OK:GO bietet Angaben zu Zugängen, Wegeführungen, Steigungen, Platzverhältnissen, Türbreiten und weiteren relevanten Aspekten für die Planung eines Besuchs.
«Je mehr Betriebe an OK:GO teilnehmen, desto hilfreicher wird die Plattform. Für uns war klar, dass wir mitmachen wollen» Urs Wohler, Geschäftsführer NIESENBAHN AG
Verantwortung für die Region tragen
Für Urs Wohler trägt die Niesenbahn eine besondere Verantwortung: «Der Tourismus hat der Region zu dienen und nicht umgekehrt.», betont er. Deshalb versuche man, möglichst viele Mitarbeitende aus der Region anzustellen. «Das ist sehr anspruchsvoll, denn der Arbeitsmarkt ist ausgetrocknet und die Verlockung gross, gerade seit der Pandemie, in andere Branchen zu wechseln. Umso wichtiger sind attraktive Jobprofile», sagt Wohler.
Auch bei Aufträgen und Zulieferungen achtet die Niesenbahn auf Regionalität. Wo immer möglich arbeitet sie mit lokalen Betrieben. So fliesst ein grosser Teil der Ausgaben für Löhne, Aufträge und Investitionen zurück in die Region.
Wie stark die Niesenbahn als Arbeitgeberin, Auftraggeberin und touristische Akteurin mit der Region verflochten ist, machte die Wertebetrachtung 2021 sichtbar. Obwohl die Wertschöpfung in diesem Jahr durch die Covid‑19‑Pandemie tendenziell etwas tiefer lag, zeigte sich, dass die Niesenbahn 2021 eine Bruttowertschöpfung von rund CHF 23 Mio. auslöste, wovon 62 % in der Region Niesen anfielen. Die Beschäftigungswirkung betrug insgesamt 188 Vollzeitäquivalente (VZÄ). Davon wurden Arbeitsleistungen im Umfang von rund 127 VZÄ (68 %) in der Region Niesen erbracht (direkt und indirekt). Rund 61 VZÄ (32 %) entfielen auf die übrige Schweiz.
Weitere Nachhaltigkeitsaktivitäten
Die NIESENBAHN AG erhebt seit 2021 ihre CO₂-Bilanz. Erstmals wurde 2025 auch die Gästemobilität miteingerechnet – mit einem klaren Ergebnis: Rund 80 % der gesamten Emissionen entstehen durch die An- und Abreise der Gäste. Für Urs Wohler zeigt das, wie wichtig ein ganzheitlicher Blick ist. «Das Marketing hat Einfluss darauf, wie viel zusätzlicher Verkehr entsteht. Das zu berücksichtigen ist anspruchsvoll, aber es ist notwendig, dass wir uns damit beschäftigen.» Darum rückt das Thema Gästemobilität 2026 in den Fokus. Beispielsweise durch die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells mit 95% Marketing-Ausgaben im Inland oder die Attraktivierung der Anreise mit dem ÖV.
Zudem ist die Bahn Mitglied im Verein «United Against Waste» und erfasst seit 2020 mit KI-gestützten KITRO-Geräten ihre Lebensmittelabfälle. Dank der präzisen Erfassung von Gewicht, Warenwert und Fotos lassen sich Überproduktionen und Tellerreste analysieren und gezielt reduzieren. Die Auswertung der Saison 2025 zeigt vermeidbare Abfälle von knapp 1.9 Tonnen im Wert von rund CHF 2'700 – das sind rund 24 % weniger als im Jahr 2024.
Ein weiteres Zukunftsprojekt ist ein Solarfaltdach auf dem Parkplatz. Die Anlage könnte rund 300 MWh Strom pro Jahr produzieren – genug, um den gesamten Strombedarf des Bahnbetriebs zu decken. Aktuell bestehen noch Vorbehalte verschiedener Ämter. «Ich denke, wir müssen vermehrt darüber sprechen, wie Rahmenbedingungen für solche Projekte angepasst werden können, damit innovative Lösungen möglich werden», hält Wohler fest.
Am Schluss betont Urs Wohler, wie wichtig Kontinuität ist: «Wichtig ist bei allem, dass wir konsequent dranbleiben und Schritt für Schritt vorwärtsgehen. Anders als bei Infrastrukturprojekten gibt es bei den Investitionen in unsere «Software» keinen Projektabschluss. Die Investition in die Menschen, unsere Kultur, unsere Haltung und den respektvollen Umgang miteinander und mit unserer Region endet nie. Sie begleitet uns jeden Tag.»
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