
Wie erhöht man den Gästekomfort und ermöglicht gleichzeitig eine möglichst emissionsarme Anreise? In Fiesch haben die Aletsch Bahnen AG, die Matterhorn Gotthard Bahn AG und Postauto AG sowie einige weitere Partner ihre Kräfte gebündelt und gemeinsam den ÖV Hub Fiesch gebaut. Gäste können seit der Eröffnung im Dezember 2019 direkt aus der Bahn oder dem Bus in die Gondel umsteigen, die jeweiligen Stationen sind nur ein paar Treppenstufen voneinander entfernt. Ein perfekter Auftakt für den Aufenthalt in der Aletsch Arena mit den autofreien Dörfern Riederalp und Bettmeralp, die bereits seit rund 80 Jahren über Seilbahnen versorgt werden. Im Interview erzählt Pascal Ziegler, Leiter Strategische Projekte bei den Aletsch Bahnen, wie es zum ÖV Hub Fiesch kam.
Seit Dezember 2019 haben Gäste die Möglichkeit, über den ÖV Hub Fiesch sehr komfortabel und ohne Auto auf den Berg zu fahren. Was war damals der Auslöser für das Projekt?
Pascal Ziegler: Unsere anderen beiden Talstationen Mörel-Filet und Bettmeralp Tal waren schon von Anfang an sehr gut an die Linie der Matterhorn Gotthard Bahn angebunden. In Mörel sind es geschätzte 100 Meter bis zur Seilbahnstation, und auf der Bettmeralp muss man nur ein Stockwerk hoch, dann ist man auf der Seilbahn. In Fiesch musste man vom Bahnhof gut einen Kilometer durch’s Dorf laufen – unter Umständen mit Skischuhen. Deshalb sind viele Gäste damals mit dem Auto angereist, was im Dorf für immer mehr Verkehr sorgte. Durch die alte Pendelbahn entstanden zudem Wartezeiten.
Wir hatten das Glück, dass die Matterhorn Gotthard Bahn mit dem Bahnhof in Fiesch auch nicht mehr zufrieden war. Da musste man zum Beispiel noch über die Schienen laufen, um auf’s richtige Gleis zu kommen. 2016 haben wir gemeinsam entschieden, den Bahnhof zu verlegen und so zu positionieren, dass wir unsere Seilbahn direkt am Bahnhof bauen können. So ist der ÖV Hub entstanden – ein richtiger ÖV-Knotenpunkt, mit der Postautostation im Erdgeschoss, der Matterhorn Gotthard Bahn im ersten Stock und der Talstation unserer Seilbahn im zweiten.
Die Aletsch Bahnen haben mit 24 Millionen Schweizer Franken etwas mehr als die Hälfte der Kosten des Gesamtprojektes getragen. Welches Ziel habt ihr mit dem Projekt verfolgt?
Der wichtigste Aspekt war für uns der Gästekomfort. Wir hatten in Mörel und der Bettmeralp die Vorteile einer guten Anbindung unserer Seilbahnen an die Matterhorn Gotthard Bahn gesehen. In Fiesch haben wir den Umbau ausserdem genutzt, um die alte Pendelbahn durch eine moderne und effiziente Umlaufbahn zu ersetzen. Es ist für die Gäste viel angenehmer, wenn die Bahn fortlaufend fährt und sie nicht 20 Minuten warten müssen, bis die nächste Gondel losfährt. Mit der neuen Umlaufbahn kommen sie in 7-8 Minuten von Fiesch auf die Fiescheralp.
In Mörel-Filet und Bettmeralp Talstation haben wir noch Pendelbahnen, und wir wissen, dass viele Gäste inzwischen bewusst etwas länger mit dem Zug bis nach Fiesch fahren, um dort auf die Seilbahn umzusteigen, weil sie den Komfort schätzen. Allein im Eröffnungsjahr 2019 haben 18% mehr Gäste die Seilbahnlinie ab Fiesch genommen als vorher. Ausserdem sinken bei uns im Gebiet die Parkplatzbuchungen von Jahr zu Jahr, bei gleichbleibenden oder leicht steigenden Gästezahlen. Das ist ein gutes Indiz dafür, dass immer mehr Leute mit dem ÖV anreisen. Wir hatten beim Projektstart ein Areal neben dem heutigen ÖV Hub hinzugekauft, um bei Bedarf weitere Parkplätze bauen zu können. Das war aber bisher nicht nötig. Wenn wir mit dem geplanten Neubau vom Eggishorn so erfolgreich sind, wie wir es uns erhoffen, werden wir in Zukunft möglicherweise zusätzliche Parkplätze benötigen, beispielsweise für Reisecars.
Die Gemeinde Fiesch ist ebenfalls zufrieden, weil der Verkehrsfluss im Dorf abgenommen hat. Also insofern hat sich das Projekt auf jeden Fall rentiert.
Ihr habt den ÖV Hub damals in rekordverdächtigen drei Jahren von der Projekteingabe bis zur Eröffnung fertiggestellt. Wie habt ihr das geschafft?
Ich glaube das zeigt, wie durchdacht das Projekt damals war. So konnten NGOs, Gemeinde und Bevölkerung dem Projekt ohne grosse Einwände zustimmen. Wir haben die verschiedenen Stakeholder frühzeitig mit einbezogen und ihnen unsere Pläne und deren Auswirkungen auf die Umwelt, aber auch auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in der Region aufgezeigt. Das ist in solchen Projekten wichtig. Es ist auch entscheidend, den verschiedenen Interessengruppen zuzuhören. Häufig kommt aus der Bevölkerung oder von den Umweltverbänden guter Input. Wir, und ich glaube auch alle anderen Seilbahnunternehmen, machen uns immer sehr viele Gedanken, bevor wir irgendwo eine Seilbahn hinbauen (lacht).
Es hat sicher auch geholfen, dass wir gemeinsam mit der Matterhorn Gotthard Bahn und Postauto eine gewisse «Schwungmasse» hatten. Alleine hätten wir ein Projekt von dieser Grössenordnung nicht so einfach durchbringen können.
Gab es Herausforderungen, die ihr während des Projektes meistern musstet?
Direkt im Zusammenhang mit dem Projekt nicht, aber wir haben mehr oder weniger parallel zum ÖV Hub die Dachorganisation der Aletsch Bahnen geändert und mit der Luftseilbahn Fiesch-Eggishorn fusioniert. Das führte unter anderem auch zu Änderungen im Projektteam. Unser neuer Leiter Technik Anton Franzen musste sich mitten in der Fusion neu in das Projekt einarbeiten, ohne von Anfang an dabei gewesen zu sein. Die Fusion war aber ein wichtiges wirtschaftliches Signal damals. Alleine hätte es die Luftseilbahn Fiesch-Eggishorn wahrscheinlich sehr schwer gehabt.
Das Thema Mobilität ist bei euch sozusagen Teil der Unternehmens-DNA: Ihr seid viel mehr als eine rein touristische Seilbahn.
Ja, das ist tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal, dass wir mit unseren Seilbahnen die Komplettversorgung der autofreien Dörfer Riederalp und Bettmeralp sicherstellen. Neben den Gästen transportieren wir mit unserer Bahn auch jede Art von Material auf den Berg und wieder nach unten – von Lebensmitteln über Heizöl, Baumaterial bis hin zu Baggern oder Kränen. Und den Müll aus den Dörfern bringen wir auch nach unten. Allein auf die Bettmeralp transportieren wir mit unserer Seilbahn 16'000 Tonnen Material pro Jahr.
Es führen zwar einige Strassen in die Dörfer, die sind aber geschlossen worden, um die Dörfer bewusst autofrei zu halten. Um die Strassen zu befahren, benötigt man eine Sondergenehmigung der Gemeinde – und die wird sehr selten erteilt. Die Dörfer sind deshalb wirklich komplett durch die Seilbahn erschlossen und angebunden.
Wir sind selbst auch Teil des ÖV: Die Linien auf die Riederalp und die Bettmeralp sind Teil des abgegoltenen ÖV-Bereichs, und auf die Fiescheralp bieten wir das freiwillig an. Das heisst, GA und Halbtax sind auf allen drei Strecken gültig.
Was macht ihr sonst noch im Bereich Mobilität?
Wir arbeiten eng mit anderen Verkehrsunternehmen zusammen. Wir nehmen bspw. im Winter am Snow & Rail-Programm teil, mit dem die Gäste an günstigere Tickets gelangen können. Im Sommer haben wir den Entdeckerpass, der freie Fahrt auf allen unseren Bahnen bietet und auch die Anreise mit der Matterhorn Gotthard Bahn inkludiert hat.
Oben auf dem Berg haben wir einen eigenen Shuttle mit zwei E-Bussen, die die Dörfer Riederalp und Bettmeralp verbinden. Das ist ein Service, den gerade ältere Menschen oder Familien mit kleinen Kindern gerne nutzen, weil es bequemer ist, als von einem Dorf erst mit der Seilbahn ins Tal und dann wieder mit der Seilbahn nach oben ins andere Dorf zu fahren.
Ausserdem bieten wir einen Gepäcktransport von Bahnhof zu Bahnhof oder sogar von Tür zu Tür. Da können die Gäste alles ganz bequem hierherschicken und dann entweder an der Bergstation abholen oder zu ihrer Unterkunft liefern lassen. Auch dadurch entscheiden sich immer mehr Menschen für den Zug – ohne Gepäck reist es sich leichter.
Und wir nehmen als Pilotdestination am Forschungsprojekt STEPS der Uni Bern teil. Die Forschenden möchten herausfinden, wie sich touristische Bewegungs- und Aktivitätsmuster vor Ort besser nachvollziehen und lenken lassen.
Und wie sieht euer Nachhaltigkeitsengagement in anderen Bereichen aus?
Über die regionalen Elektrizitätswerke beziehen wir reinen Ökostrom, der zu 100% aus Wasserkraft stammt. Wir haben auch eine eigene Photovoltaikanlage auf unserer Gruppenunterkunft auf der Bettmeralp. Den Strom, den wir dort produzieren, nutzen wir für die benachbarte Pendelbahn. Dort haben wir den grösseren Eigenverbrauch, daher lohnt es sich dort am meisten. Da wir auf den autofreien Alpen neben den Pistenfahrzeugen und ein paar wenigen Sonderfahrzeugen keine Verbrennungsmaschinen im Einsatz haben, ist unser direkter CO2-Ausstoss insgesamt sehr gering.
Um möglichst effizient beschneien zu können, haben wir die Beschneiungsanlagen unserer drei Alpen zusammengehängt, und wir arbeiten zusammen mit der Wasserwirtschaft gerade an einem Projekt, um die Wasserversorgung unter allen Stakeholdern auf der Alp zu verbessern.
Und auch sonst schauen wir, dass wir beispielsweise beim Ersatz von Seilbahnen oder Pistenfahrzeugen immer effizientere und ökologisch gesehen weniger schädliche Antriebssysteme auswählen. So wie eigentlich alle anderen Seilbahnunternehmen auch.



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