
In Bezug auf die intelligente Nutzung und Produktion von Energie kann man die Stoosbahnen AG durchaus als Pionierin bezeichnen. Getreu dem Motto «Vorne ist da, wo sich niemand auskennt», hat das Team des Schwyzer Seilbahnunternehmens immer wieder Mut zu ungewöhnlichen Lösungen bewiesen – und der Erfolg gibt ihm Recht. Die Stoosbahnen betreiben zwei Trinkwasserkraftwerke, nutzen Abwärme und heizen damit ein Hotel, und sie haben eine sehr schlaue Möglichkeit gefunden, die Bremsenergie ihrer Standseilbahn zu nutzen und damit sogar Geld zu verdienen.
Bruno Lifart, ehemaliger Delegierter des Verwaltungsrates und ehemaliger Geschäftsführer Sicherheit der Stoosbahnen AG, hat uns das Energiekonzept der Stoosbahnen erläutert.
Ihr macht bei den Stoosbahnen sehr viel im Bereich nachhaltige Energie. Wie kam es dazu?
Zunächst sollte man wissen, wie wir bei den Stoosbahnen an das Thema Nachhaltigkeit herangehen. Die Stoosbahnen wollen – wo vernünftig und machbar – vorhandene Energien nutzen, also bspw. Sonne, Wasser, Wind, Abwärme, etc. Dabei sollen bestehende Infrastrukturen genutzt und wann immer möglich und sinnvoll lokale Partner wie die Gemeinde, Wasserversorgung oder Betriebe mit einbezogen werden. Und, ganz wichtig: Die Gäste und die Einheimischen stehen im Zentrum.
Auf dieser Basis haben wir bereits im Jahr 2007 den Grundstein für nachhaltige Energiegewinnung mit dem Bau einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach der Klingenstock-Sesselgarage gelegt. Die PV-Anlage wurde in Zusammenarbeit mit einem Dritt-Investor gebaut und produziert pro Jahr im Schnitt 17'000 kWh saubere Energie, welche ins Netz eingespeist wird.
Ein Jahr später folgte der nächste Schritt: Zusammen mit der Gemeinde Morschach-Stoos haben wir ein Grundkonzept für zwei Trinkwasser-Kleinkraftwerke erarbeitet, die die Leitungen des lokalen Trinkwasser-Reservoirs und des Stoos-Seelis zur Stromerzeugung nutzen. Das Konzept wurde noch im selben Jahr genehmigt und die sogenannte «Kostendeckende Einspeisevergütung» (KEV) bewilligt.
Das ist spannend – wie funktionieren diese Trinkwasserkraftwerke genau?
Wir haben in der Nähe von Stoos das Holibrig-Reservoir. Darin sind ca. 2'000 m3 Trinkwasser für den Stoos gespeichert.
Das Trinkwasser in diesem Reservoir kommt aus einem höher gelegenen Ausgleichsbecken. Wir nutzen mit unserem Kleinwasserkraftwerk den Einlauf ins Reservoir. Das heisst, wir nehmen kein Trinkwasser raus, sondern lassen es einfach eine Turbine antreiben, bevor es im Reservoir landet. Diese Turbine treibt einen Generator an, und der produziert Strom, den wir ins Netz einspeisen.
Darüber hinaus nutzen wir den Überlauf des Reservoirs. Dieses Überlaufwasser ist früher einfach ungenutzt im Berg versickert, heute fliesst es durch eine Leitung quer durch Stoos ins Stoos-Seeli. Dieser künstlich angelegte See hat mehrere Funktionen: Im Winter nutzen wir ihn für die Beschneiung der Pisten, im Sommer als Naherholungsgebiet für Einwohner:innen und Gäste. Ausserdem kann aus dem See Löschwasser entnommen werden. Sollte das Trinkwasser im Holibrig-Reservoir einmal knapp werden, kann es vor Ort gereinigt und vom Stoos-Seeli zurück ins Reservoir gepumpt werden. Dafür halten wir immer eine Reserve von 2’500 m3 Wasser vor. Seit 2019 nutzen wir auch den Überlauf des Stoos-Seelis, um unten im Tal ein weiteres Kleinwasserkraftwerk zu betreiben. Als unsere neue Standseilbahn in Betrieb ging, durften wir das Trassee der alten Stoosbahn behalten und können es nutzen, um eine Druckleitung vom Berg bis unten ins Tal zum Kleinwasserkraftwerk zu führen. So konnten wir unnötige Eingriffe in die Natur vermeiden.
Im Kalenderjahr 2025 haben die beiden Trinkwasserkraftwerke zusammen rund 410'000 kWh Strom produziert, das entspricht in etwa dem Verbrauch der ständigen Bevölkerung von Stoos.
Apropos neue Stoosbahn: Die nutzt ihr ja ebenfalls zur Energiegewinnung…
Richtig. Hier haben wir zwei Ansatzpunkte für eine nachhaltige Energiegewinnung gefunden, nämlich die Nutzung von Abwärme und die Rekuperation der Bremsenergie.
Als die neue Standseilbahn geplant wurde, hat uns Garaventa darauf aufmerksam gemacht, dass wir im Antriebsraum viele grosse Fenster brauchen würden, weil dort richtig viel Abwärme entstehen würde. Da haben wir uns gesagt: «Wir können doch nicht zuschauen, wie jedes Jahr der Schnee weniger wird und dann die ganze Abwärme einfach zum Fenster rausblasen!»
Unsere Idee war von Anfang an, diese Abwärme mit Wärmepumpen zum Heizen zu nutzen. Es dauerte allerdings ein bisschen, bis wir einigermassen sicher wussten, wieviel Abwärme durch den Antrieb entstehen würde, das hatte ja so noch niemand vorher gemacht.
Aus den Berechnungen ergab sich jedenfalls, dass es genug sein würde. Also haben wir drei grosse Wärmepumpen eingebaut, die die Abwärme aus dem Antriebsraum sowie diejenige der Kühlgeräte aus unserem Shop und aus dem Serverraum nutzen. Damit können wir alle unsere Bergstationsgebäude und die gesamte Stoos Lodge, das Hotel nebenan mit rund 100 Zimmern, heizen.
Wir liefern der Stoos Lodge pro Jahr rund 160'000 kWh Abwärme in Form von 45°C-warmem Heizwasser. Zum Vergleich: Um die gleiche Menge an Wärmeenergie zu erzeugen, bräuchte man ca. 16'000 Liter Heizöl – das ist in etwa so viel, wie in einen mittelgrossen Tanklaster passt!
Und wie funktioniert das mit der Rekuperation der Bremsenergie?
Da mussten wir uns wirklich etwas einfallen lassen, weil das Längen- und Steigungsprofil unserer Standseilbahn für diese Art der Energiegewinnung ziemlich herausfordernd ist.
Beim Bremsen einer Seilbahn entsteht Energie, die man sehr vereinfacht ausgedrückt mit einem Generator in Strom umwandeln und dann entweder vor Ort nutzen, in Batteriespeichern zwischenspeichern oder ins Elektrizitätsnetz einspeisen kann. Am besten funktioniert das, wenn eine Bahn schön lange fährt und das Gefälle möglichst gleichmässig ist. Dann produziert man konstante Mengen an Energie ohne grosse Leistungsspitzen, und die kann man eben gut speichern oder einspeisen.
Die neue Stoosbahn hingegen fährt nur sehr kurz, und sie ist die steilste Standseilbahn der Welt. Das bedeutet, dass wir über einen sehr kurzen Zeitraum eine riesige Menge an Energie produzieren – bis zu zwei Megawatt für 70 Sekunden. Solche Leistungsspitzen stellen für die Netzbetreiber eine echte Herausforderung dar, und wenn man diese Energie in Akkus speichern wollte, bräuchte man Batteriespeicher so gross wie ein ganzes Gebäude.
Wir hatten noch ein paar andere Ideen wie ein mechanisches Schwungrad oder Druckluft, aber am Ende war die einzig sinnvolle Lösung die Erzeugung von Warmwasser. Ursprünglich wollten wir das dann wiederum zur Stromerzeugung nutzen, aber als wir 2012/2013 vom geplanten Neubau der Stoos Lodge erfuhren, war ziemlich schnell klar, dass es viel sinnvoller wäre, denen das warme Wasser zum Heizen, Duschen und Waschen zu liefern. Die Familie Koch, die Betreiber der Stoos Lodge, waren von der Idee überzeugt, und so haben unsere Architekten und Ingenieure von Anfang an sehr eng zusammengearbeitet, damit die Gebäude, die Leitungen und alle Systeme optimal zusammenpassen.
Wir haben jetzt zwei elektrische Boiler mit je 7'500 l Wasser und einer Leistung von jeweils 400 kW. Damit erhitzen wir Brauchwasser auf 85°C und liefern es über Fernleitungen (die mit 30 m allerdings sehr kurz sind) an die Stoos Lodge.
Insgesamt bekommt die Stoos Lodge jährlich rund 340'000 kWh in Form von Warmwasser von uns – ganz ohne zusätzliche Belastung für die Umwelt. Für die gleiche Menge an Energie bräuchte man 34'000 l Heizöl, also gut zwei mittelgrosse Tanklastwagen.
Das ist wirklich ein Win-Win-Win-Projekt, das wir sehr partnerschaftlich mit der Familie Koch umsetzen konnten: Die Stoos Lodge bekommt von uns zuverlässig und günstig saubere Energie in Form von warmem Wasser. Wir können unsere Abwärme verkaufen, anstatt sie ungenutzt nach draussen zu blasen. Und die Umwelt wird nicht unnötig belastet.
Bei solchen Projekten kann ja immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Was war besonders herausfordernd, was hat euch überrascht?
Es gab natürlich gerade am Anfang gewisse Unsicherheiten, wieviel Abwärme wirklich entstehen würde und wieviel Warmwasser wir im realen Betrieb mit der rekuperierten Energie würden herstellen können. Da habe ich schon ein paarmal den Taschenrechner hervorgeholt und noch einmal nachgerechnet, ob das wirklich alles so passt (lacht). Aber hier wurden wir sogar positiv überrascht. Die Gebäude sind viel besser isoliert, als wir ursprünglich dachten, das heisst, sie brauchen weniger Energie, als wir berechnet hatten. Deshalb können wir noch zwei weitere Gebäude an unser Heizungssystem anzuschliessen, nämlich das Restaurant Sternegg und das Skilifthaus Sternegg. Da liefern wir dann noch mal ca. 40'000 kWh in Form von Warmwasser, sparen also noch einmal ca. 4'000 l Heizöl.
Herausfordernd waren vor allem die ewigen Neinsager und Zweifler, die man immer antrifft, wenn man etwas Neues ausprobiert. Hier war wirklich entscheidend, dass der Verwaltungsrat der Stoosbahnen das Projekt von Anfang an unterstützt hat, dass die Mitarbeitenden mitgezogen haben und dass wir mit der Familie Koch einen Partner an unserer Seite hatten, der von Anfang an an das Projekt geglaubt hat. Sonst wäre das alles nicht möglich gewesen.
Hat sich das Ganze denn auch aus wirtschaftlicher Sicht gelohnt?
Unser Ziel war nie, damit Geld zu verdienen. Wenn am Ende eine schwarze Null dabei herauskommt und wir etwas zum Klimaschutz beitragen konnten, dann ist das schon eine gute Sache. Wir sind 2014 davon ausgegangen, dass sich die Investitionen innerhalb von 25 Jahren amortisieren würden. Damals rechneten wir allerdings noch mit einem deutlich niedrigeren Energiepreis als wir ihn heute haben. Inzwischen gehen wir davon aus, dass sich die Investitionen für die rekuperierte Energie innerhalb von 10 Jahren ab der Inbetriebnahme 2022 amortisiert haben werden.
Was für Projekte habt ihr denn noch in Planung?
Also grundsätzlich wollen wir weiterhin überall wo möglich Strom sparen. Wir planen auch noch weitere PV-Anlagen und sind in Gesprächen für eine Fernwärmeleitung von Schwyz zum Stoos auf dem alten Bahntrassee. Allenfalls könnten wir uns auch vorstellen, Windkraft zu nutzen. Es kann ja nicht sein, dass man einen Haufen Geld für Öl ausgibt, um es zu verbrennen, wenn man die Energie kostenlos vor Ort haben kann!
Und wir hoffen, dass andere Betriebe nachziehen werden, wenn sie sehen, was alles möglich ist. Für Interessierte bieten die Stoosbahnen spezielle Führungen zur Bahn und zur Energiestrategie an.
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